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Spuren antisemitischer Gewalt - Die Tatorte

Die Informationen sind nicht zusammenhängend dargestellt. Sie sollen in erster Linie dem Verständnis der Kiezspaziergänge dienen – währenddessen oder im Nachhinein – und hängen unmittelbar mit ihnen zusammen. 

Tatort 1: Passauer Straße 4

Angriffe auf die sephardische Synagoge „Tiferet Israel“

Was ist passiert?

  • September 2020: De an der Eingangstür befindliche Mesusa wird geöffnet und die enthaltene Schriftrolle auf beiden Seiten mit je einem Hakenkreuz beschmiert

 

  • September 2022: Mesusa abgerissen, Schriftrolle gestohlen; vor der Eingangstür der Synagoge wird leere Mesusa in Müllhaufen gefunden

 

  • November 2022: Eingangsbereich nachts mit Müll verdreckt, Türklingel beschädigt, Mesusa wieder abgerissen; in Müllhaufen geworfen - Schriftrolle fehlte wieder

Sephardim

Der Name leitet sich von der in der Tora genannten Landschaft  Sepharad/Sefarad (ספרד) ab, im Mittelalter auf die von der Iberischen Halbinsel (insbesondere Spanien, Portugal) vertriebenen Juden übertragen, die größtenteils ins Osmanische Reich (heute Türkei) und nach Nordafrika geflohen sind; Sprache: Ladino, „Judäo-Spanisch“; sephardisches Äquivalent zum aschkenasischen (geographisch: mittel-, nord- und osteuropäisch herkommend) Jiddisch; beeinflusst von Aramäisch, Hebräisch, aber auch Arabisch, Türkisch, Italienisch, Griechisch, Französisch sowie slawischen Sprachen.

 

Sephardisches Judentum in Berlin

Erster sephardischer Gottesdienst in Berlin. 1905 „Israelitisch-Sephardische Verein zu Berlin e.V.“, ca 500 Mitglieder, große Wohnung im Bezirk Tiergarten diente als Synagoge (Lützowstraße), gehörte zu Firma Wertheim (Enteignung durch Nazis!). Dann Synagoge in Passauer Straße 2, 1906 eingeweiht, 1937 von Jüdischer Gemeinde übernommen, 1938 geplündert und im Laufe des Nationalsozialismus zerstört. Dann 2006 gegründet, in gleicher Straße; Tiferet Israel, hebräisch, heißt „prächtiges/glänzendes Israel / Schönheit Israels“,  Name referiert vermutlich auf gleichnamigen Kommentar in Talmud (eines der wichtigsten jüdischen Schriftwerke) sowie erste Synagoge mit diesem Namen in Jerusalem von 1872 im jüdischen Viertel der Altstadt; wurde am 21.5.1948. von der Arabischen Legion zerstört

 

Mesusot

Hebräisch für „Türpfosten“, im Sinne von „Hüter des jüdischen Hauses“, vor allem in Wohnungen, aber auch am Eingang zu Synagogen. Enthält Abschnitte aus Gebet „Schma Israel“ („Höre Israel“), eines der wichtigsten des Judentums.

Christlicher Antijudaismus

In Antike, Mittelalter: Hetzschriften der christlichen Kirche gegen Juden. Vorwürfe: Nicht-Anerkennung von Jesus Christus als Messias, Verrat an diesem; Übergriffe auf Synagogen und Juden seit 4./5.; ab dem 6. Jhd. Verbote und Vorschriften (kein gemeinsames Essen/Hochzeit mit Christen z.B., Kennzeichnung durch sogenannten Judenhut oder Judenfleck; Verbot der Organisation in Zünften, keine handwerklichen Berufe, kein Landerwerb. Abgedrängt in kaufmännische Berufe und Kredithandel. Vorwurf: Wucherei; Hass wird mehr. Weitere bekannte Legenden: Brunnenvergiftung, Ritualmorde an Christen, v.a. Kindern, schließlich Pogrome, Verfolgungen, 13./ 14. Vertreibung aus England, Frankreich (Aschkenasen) im 15. Jahrhundert aus Spanien und Portugal (Sepharden).

 

Muslimischer Antijudaismus

Prophet Mohammed im 7. Jhd noch Judentum zugetan, erst mit Auszug nach Medina abgewandt; vertreibt die hiesigen Juden, tötet Hunderte. Seitdem galten sie als feige, treulos und schwach. Wie Christen „ Dhimmis“, "Schutzbefohlene",  Menschen zweiter Klasse. Negative Aussagen über Juden überwiegen im Koran: als Feinde, ‚Affen‘ und "Schweine" abgewertet.

Ideologische Einordnung: antijudaistisch-völkischer Antisemitismus

Gewalt gegen offen erkennbare jüdische Institutionen, Symbole und Menschen im Anklang an religiös motivierte Pogrome und Demütigungen

 

Christlicher Antijudaismus: Antike & Mittelalter: Hetzschriften der christlichen Kirche gegen Juden. Vorwürfe: Nicht-Anerkennung von Jesus Christus als Messias, Verrat an diesem; Übergriffe auf Synagogen und Juden seit 4./5.; Vorwurf: Wucherei Weitere bekannte Legenden: Brunnenvergiftung, Ritualmorde an Christen; ab dem 6. Jhd. Verbote:

  • kein gemeinsames Essen,

  • keine Hochzeit mit Christen

  • Kennzeichnung durch sogenannten Judenhut oder Judenfleck;

  • Verbot der Organisation in Zünften,

  • keine handwerklichen Berufe, kein Landerwerb.

  • Abgedrängt in kaufmännische Berufe und Kredithandel.

Historischer Antijudaismus bezog sich auf ‚Äußeres‘, auf Religion, ließ Konversion noch als „Lösung“ zu. Moderner Antisemitismus (19., 20. Jhd.), geht davon aus, dass das „Wesen“ der Juden schlecht, unveränderbar ist – rassisch bedingt; NS treibt Konsequenz der Ideologie auf die Spitze: alle Juden müssen vernichtet werden.

 

Weitere Beispiele aus Tempelhof-Schöneberg

 

  • Januar 2022: Ein Mann, der eine Kippa trug, saß mit Kopfhörern in der S-Bahn und wurde auf zwei Jugendliche aufmerksam, die sich ihm mit jeder Station näherten und ihn hämisch anlächelten. Er drehte die Musik leiser und merkte, dass sie darüber diskutierten, ob er jüdisch sei. Als er ausstieg, folgten ihm die beiden und blockierten ihm auf einer Treppe den Weg. Nachdem der Mann sich vorbeidrängen konnte, schrien sie ihm „Jude, Jude, dreckiger Jude!“ hinterher. Andere Anwesende beobachteten den Vorfall verwundert, intervenierten jedoch nicht

 

  • September 2022: Landesrabbiner der jüdischen Gemeinde Potsdam trug Zizit trug und telefonierte auf Hebräisch - wird in Mariendorf am U-Bahnhof Westphalweg in Anwesenheit seines 13jährigen Sohnes von einem jungen Mann angerempelt und als „schrecklicher Scheißjude“ beschimpft.

Literatur- und Quellenangaben zu Tatort 1:

Zu den Taten

 

Tiferet Israel / Sephardim (in Deutschland)

 

Antijudaismus – muslimisch und christlich (siehe auch unsere allgemeinen Literaturempfehlungen)

Tatort 2: Fuggerstraße 35
Angriffe auf das israelische Restaurant „Feinbergs“

 

Seit Eröffnung kommt es regelmäßig zu antisemitischen Angriffen auf das israelische Restaurant und seinen Besitzer Yorai Feinberg, z.B. regelmäßige Bedrohungen per Mail oder Telefon, persönliche Beschimpfungen. Beispiele für handgreiflichen Attacken: April 2022 Beschädigung einer Ausstellung, Zerstörung eines Bildes. Im selben Monat: Werbetafeln mit antisemitischen Motiven beschmiert und abgebildete Israel-Fähnchen durchgestrichen und "Free Palestine" dazu geschrieben.

Der bekannteste Vorfall

2017 griff ein älterer deutscher Mann den Besitzer und seine Partnerin verbal an, was diese auf Video aufzeichnete:

"Ihr seid einfach nur gemein … Ihr seid nur Gäste … Ich lebe hier, das ist meine Heimat – und du hast keine Heimat ... geht zurück nach Palästina …ihr seid auch nur Gäste der Palästinenser … Diese Scheiße geht nicht hier... Bei euch geht's nur um Geld. Aber du kriegst deine Rechnung, du kriegst deine Rechnung in fünf Jahren oder zehn Jahren - und deine ganze Familie und deine ganze Sippe hier … Was wolltet ihr nach '45 hier? Sechs Millionen Menschen sind umgebracht worden von euch – was willst du denn hier? Euch lieben wir nicht … In zehn Jahren lebst du nicht mehr! … Niemand schützt euch, ihr werdet alle in der Gaskammer landen. Keiner will euch hier mit euren kleinen jüdischen Restaurants“ [Als ein Polizist kommt >] „Die Juden lügen, die Juden lügen…

 

Ideologische Einordnung

  1. Die Juden („das Volk Israel“) als „wurzelloses Volk“, das sich in keine Volksgemeinschaften integrieren lässt („…nur zu Gast“, „Du hast keine Heimat“)

  2. Gegenüberstellung zu erdverbundenen Völkern (Deutsche, Palästinenser), die eine „richtige Heimat“ haben: Die Juden als „Gegenrasse“, die von Natur aus stets nur „zu Gast“ ist („Geh doch nach Palästina … in Palästina seid ihr auch nur zu Gast“)

  3. Der einzelne Jude wird mit allen anderen in eins gesetzt („Du…deine Familie…deine ganze Sippe“), also alle werden kollektiv verurteilt

  4. Der Jude als „böses Prinzip“, d.h. hier v.a. als „raffendes Kapital“ („Bei euch geht's nur um Geld“)

  5. Nur der Tod dieses jüdischen Prinzips kann die Welt retten – deswegen muss der Jude vernichtet (und nicht etwa „nur“ unterdrückt) werden („In zehn Jahren lebst du nicht mehr! Niemand schützt euch, ihr werdet alle in der Gaskammer landen“)

Hier findet sich die „klassische Dramaturgie“ des modernen Antisemitismus: Wir leben in der Moderne in einer Gesellschaft, die formell auf Gleichheit und Freiheit beruht (Gegensatz: Antike/Mittelalter: direkte Herrschaft durch König, Herr… / Ungleichheit durch Gott gesetzt). Jeder merkt aber tagtäglich, dass man nicht wirklich frei ist – man muss ja ständig dafür sorgen, dann man arbeitet, um etwas auf dem Tisch zu haben, obwohl einen niemand persönlich dazu zwingt.

Diese abstrakte, unpersönliche Herrschaft wird im Juden personifiziert. – das Diktat des Geldes, die Macht großer Konzerne, die Börse, die Zinsen. Alles, was an Unfreiheit und Ungleichheit im Kapitalismus besteht, wird im Juden ausgemacht und in diesem zu vernichten gesucht. Täter und Opfer werden dabei verkehrt und legitimieren die Gewalt gegen die Juden: Trittbrettfahrer werfen einige Tage später Böller auf das Restaurant, in dem sich Menschen befinden.

Quellenangaben zu Tatort 2

Zu den Taten

Tatort 3: Motzstraße – Antizionistische Agitation auf dem schwul-lesbischen Motzstraßenfest
 

Was ist passiert?

 

2016 greifen Aktivisten der Gruppe Berlin Against Pinkwashing den Stand der israelischen Botschaft auf dem lesbisch-schwulen Motzstraßenfest an, drohen und werden handgreiflich. Sie bezichtigen Israel der Apartheid, des Mordes an Palästinensern und des „Pinkwashing“: "No Pride in Israeli Apartheid - Stop using queer* rigths for state propaganda: say NO to Pinkwashing".  Dabei inszenieren sie sich als verstorbene Palästinenser, imitieren Kriegsgeräusche und filmen die Aktion.

2017 und 2018 werden in einigen Straßenzügen des Motzstraßenfests Sticker geklebt und Graffiti angebracht, die Israel der Apartheid und des „Pinkwashing“ bezichtigen: "No Pride in Israeli Apartheid" sowie "Free Palestine. Tear down this wall! End Israeli Occuptaion".

3-D-Antisemitismus-Test (Natan Scharanski, ehem. Minister Israels)

D1 = Dämonisierung; Israel als Inbegriff des Bösen (Vergleiche von Israel mit NS, palästinensischen Flüchtlingslager mit Auschwitz, Gaza mit Warschauer Ghetto)

D2 = doppelte Standards; Israel bekommt jede Kritik ab, muss moralisch einwandfrei sein (Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern wie zum Beispiel China, Iran und Russland werden ignoriert)

D3 = Delegitimierung; Absprechen des Existenzrechts (Israelis dürfen sich weder verteidigen noch geschützt in eigenem Staat leben; Logik dahinter: „Notwehr“ gegen böse Juden gerechtfertigt, die also legitimerweise vernichtet werden (müssen)
 

Gemeinsamkeiten der Vorwürfe (Apartheit, Mord an Palästinensern, Pinkwashing)

  • Projektion antisemitischer Ressentiments auf den jüdischen Staat Israel und seine moderne Demokratie: Israel „bösartig“, „skrupellos“, „blutrünstig“, Darstellung "Kinder-", als "Ritualmörder", als globale "intrigante Drahtzieher,  als "geldgierig" oder "parasitär" sowie als alleinige Ursache von Gewalt und Unfrieden im Nahen Osten

  • "Umwegkommunikation": Antizionismus als Antisemitismus, keine offene Rede von „den bösen Juden“

  • komplexe gesellschaftliche Herausforderungen und Konflikte werden zur "jüdischen Frage“ reduziert

  • dabei sowohl gegen jüdische Israelis wie auch gegen Juden in der Diaspora (die zu Zionisten generalisiert werden); werden kollektiv für Israel in Haftung genommen

  • Israel als "Jude unter den Staaten" (Léon Poliakov)

 

Faktencheck

 

Israel ein Apartheitsstaat? (Dämonisierung!)

  • Getrenntheit“, etymol. aus Afrikaans/Niederländisch „apart“ > getrennt. Historischer Begriff für staatliche Rassentrennung in Südafrika und Südwestafrika bezeichnet; Vorherrschaft durch selbsterklärte Vorherrschaft weißer Europäer. Beginn Anfang 20 Jhd.,endete erst 1994, Nelson Mandela erster schwarzer Präsident; Synonym für rassistische Segregation; politisches Handeln Straftatbestand im internationalen Recht

  •  Israel demokratische Verfassung, aber eben bedrohter jüdischer Staat, darum auch kein nationales Kollektivrecht für arabische Israelis; 21 % israelische Araber, davon ca. 83% Muslime (von 9 Mio.)

  • individuelle Bürgerrechte, staatliche Unterstützung für Beibehaltung von Religion, Sprache, Kultur und Identität; gleiches Wahlrecht, Frauen können natürlich wählen 

  • Unterschied zu jüdischen Israelis: keine Wehrpflicht; freiwillig

  • eigene Schulen und Institutionen zugestanden

  • bis Verabschiedung von Nationalstaatsgesetz 2018 war Arabisch mit Hebräisch offizielle Landessprache; weiterhin und gemeinhin akzeptiert

  • arabische Israelis mit 10 Sitzen in akt. 24. Knesset vertreten

  • Besetzte Gebiete werden von Israelis verwaltet, da die palästinensichen Autoritäten nicht in der Lage sind, eine zivile Infrastruktur zu etablieren und Attentate auf Israel zu verhindern. Hier existiert eine Mischung aus verschiedenen Rechtsformen (jordansiches Recht, israelisches Recht, Gewohnheitsrecht, Militärrecht…) weshalb kein allgemeines Recht existieren kann. Dies dient nicht der Ungleichbehandlung der Palästinenser, sondern ist dem unklaren Status dieser Gebiete geschuldet, da keine offizielle Staatlichkeit mit zivilen Infrastrukturen existiert. Problem: Sobald die Besatzung aufgehoben wird, beginnt der Terror gegen Israel erneut (Beispiel: Abzug aus Gaza 2005)

 

Israel ein Okkupator? (Delegetimierung!)

  • Es gab nie einen arabisch-palästinensischen Staat! Juden in der Antike ansässig, wurden vertrieben von  den Römern, später: christliche Kreuzfahrer, arabische Übernahme, Osmanisches Reich, Britische Besatzung (Transjordanien) [vs. Arabischer Paläsinenser, der von jeher auf seiner Scholle gelebt hat]

 

  • Zionistische Einwanderung ab Mitte des 19. Jhd. war legal: Land wurde (zu überhöhten Preisen) Großgrundbesitzern abgekauft, die nicht dort lebten. Überwiegend malariaverseuchtes Sumpfland, das trockengelegt und urbar gemacht wurde und extrem dünn besiedelt war.

 

  • Hierdurch, durch die bessere medizinische Versorgung und Arbeitsplätze: der gesamten Einwandererzahl wurde durch israelische Besiedelung befördert - von besseren Lebensbedingungen: Lebenserwartung gestiegen, Säuglingssterben um ca. 50 % verringert

 

  • 1936: „Arabischer Aufstand“, von NS finanziert, durch Mufti von Jerusalem organisiert: Freund Heinrich Himmlers, Mentorenschaft über muslimische SS-Divisionen;  Ausschreitungen kosteten mehreren Hundert Juden das Leben; Radio-Propaganda, NS-Rekrutierung von Muslimen im arabischen Raum > neue Form > antisemitischer Islamismus statt islamischer Antijudaismus

 

  • Israelischer Staat wurde bereits durch Balfour-Deklaration 1917 und Teilungserklärung der UN 1947 legitimiert, wobei eine Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabisch-muslimischen Staat vorgesehen war. Jüdische Seite nahm an, die arabische Führung lehnte ab. Problem: Es setzten sich nicht die arabischen Führer durch, die auf Kooperation und Vermittlung setzten (z.B. Nashashibi-Clan), sondern der Mufti und seine antisemitische Propaganda

  • Direkt nach UNO-Resolution 1947: Araber riefen Proteststreik aus, Unruhen, „heilige“ Männer der Al-Azhar-Universität in Kairo forderten muslimische Welt zu Jihad gegen Juden auf. Groß angelegte Überfälle ab 9. Januar 1948: etwa eintausend Araber griffen jüdische Gemeinden im Norden Palästinas an.

 

  • Israel am 14. Mai 1948 gegründet; unmittelbar nach britischem Abzug marschierten fünf arabische Armeen ein (Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon, Irak); scheitern. Kostete 1% der israelischen Bevölkerung das Leben

 

  • Mythos Nakba („Katastrophe“) – Vertreibung der arabischen Bevölkerung wurde nicht durch die jüdische Bevölkerung initiiert sondern durch den Krieg gegen diese. Israelisch Armee musste auf die Angriffe der arabischen Bevölkerung reagieren (Selbstschutz!).

 

  • Arabische Führung forderte die Bevölkerung auf, sich zu bewaffnen, Juden anzugreifen, wenn nicht: Verräter (Es werden mehr Araber von Arabern als „Verräter“ während dieser Phase umgebracht als Araber von Israelis

 

  • Aufforderung der arabischen Führung, das Land kurzfristig zu verlassen, wurde von vielen Ansässigen befolgt („Ihr könnte in ein paar Wochen wiederkommen, wenn wir die Juden vertrieben haben“) – bewahrheitete sich nicht

 

  • Israel 1967 von mehreren arabischen Staaten bedroht und hat erfolgreich einen Überfall als Präventivschlag im 6 Tage-Krieg verhindert (Präventivschlag existeniell notwendig da extrem kleines Land mit übermächtigen Feinden - wenn nicht: Vernichtung). In diesem Zusammenhang einige Regionen besetzt: Golan, Westjordanland, Sinai-Halbinsel

 

  • Israel war bereit, besetzte Gebiete gegen Frieden einzutauschen: Wurde abgelehnt. Zuletzt: Oslo-Friedensprozess Reihe von Abkommen zwischen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und Israel zur Lösung des Nahostkonflikts. Israel war bereit, Jerusalem zu teilen, den Palästinensern die besetzten Gebiete zurückzugeben. Barak nahm an, Arafat lehnte ab – danach: Terror / 2. Intifada

 

  • Seither: Immer dasselbe: Sobald Israel versucht, durch einseitige Eingeständnisse (z.B. Rückzug aus Gaza 2005) Frieden zu befördern eskaliert die Gewalt (Hamas übernimmt Kontrolle 2007 – erklärtes Ziel: Vernichtung Israels)

  • Israel kontrolliert, wie andere Länder, die Grenzen, macht Gaza auch; Gaza hat das Recht, internationalen Flughafen zu bauen/Hoheitsgewässer zu nutzen (nur eben nicht für Waffen); ägyptischer Grenzübergang wird nur von Gaza und Ägypten kontrolliert. Hamas: regelmäßige Raketenangriffe auf Israel, Offensivkrieg, Spreng- und Brandsätze, menschliche Schutzzschilde

Betreibt Israel "Pinkwashing"? (Doppelstandards!)

 

LGBTQ in Israel

1975: Erste LGBT-Assoziation gegründet (Aguda)

1988: Homosexualität legal („Sodomie-Gesetz“) seit 1963 nicht mehr durchgesetzt

1992: Diskriminierung wg sex. Orientierung verboten; Gleichstellung

1993: IDF offen für queere Israelis

1994: Oberster Gerichtshof gewährt gleichgeschl. Ehen Leistungen

2006: Gleichgeschlechtliche Ehen werden rechtlich anerkannt

2000/2008: Gleichgeschlechtliche Paare dürfen adoptieren

seit 2002: Jährliche Pride-Parade

2011: Größte gay-parade auf asiatischem Kontinent, über 100.000 Teilnehmer

2016: Knesset beschließt ersten offiziellen Tag, der den LGBTQ-Rechten gewidmet ist. Generell: Tel Aviv: Schwuler Strand; legale Geschlechstumwandlungen

 

LGBTQ in den palästinensischen Gebieten und arabischen Staaten

  • Diskriminierung, keinerlei Rechte, die vor Diskriminierung schützen

  • West-Bank: Jordanisches Recht: Todesstrafe bei Homosexualität;

  • Gaza: bis zu 10 Jahre Gefängnis (British Mandate Criminal Code Ordinance, 1936) oder Todesstrafe;

  • Todesstrafe auch im Iran, Saudi-Arabien, Qatar, Vereinigte Arabische Emirate

  • Viele Queers fliehen nach Israel, Belästigung und Erpressung durch palästinensische Polizei

  • 2016 wird Mahmoud Ishtiwi – einer der führenden Hamas-Kommandanten – unter Anklage wegen homosexueller Handlungen hingerichtet

  • 2019, Treffen von palästinensischen Queers zwecks Konferenz in Westbank durch palästinensische Autorität verboten, Begründung: "schädlich für die höheren Werte und Ideale der palästinensischen Gesellschaft"


Literatur- und Quellenangaben zu Tatort 3

Zu den Taten

 

Queers in Israel und im Gebiet Palästina

  • Yuva, Yonay: „Gay German Jews and the Arrival of 'Homosexuality' to Mandatory Palestine". Queer Jewish Lives Between Central Europe and Mandatory Palestine, Bielefeld 2021.

  • Steiner, Kristof: „A timeline of Israel's LGBTQ progression". Time Out, 30.08.2017.

  • Zimmermann, Bonnie: Lesbian histories and cultures: an encyclopedia, New York 2000.

 

Tatort 4: Münchner Str. 18a – Deportation und Ermordung von Gertrud Kolmar​

Die Kröte (1933)

Ich atme, schwimme

In einer tiefen, beruhigten Pracht,

Demütige Stimme

Unter dem Vogelgefieder der Nacht.

Komm denn und töte!

Mag ich nur ekles Geziefer dir sein:

Ich bin die Kröte

Und trage den Edelstein.

Wer ist Gertrud Kolmar?

  • deutsche Lyrikerin, Prosaautorin und Dramatikerin, Cousine Walter Benjamins, der ihr Werk Ende der 20er protegierte

  • 1894 geboren als Gertrud Chodziesner, Kolmar ist ein Künstlername 

  • 1917 erster Gedichtband Gedichte, Ende 1920er einzelne Gedichte u.a. in Zeitschriften

  • 1934 zweiter Gedichtband Preußische Wappen in Verlag Die Rabenpresse, daraufhin wurde Verlag boykottiert

  • 1938 dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere

  • 2023: zwei Biographien erschienen

Nationalsozialismus

  • Juden in Berlin seit 13. Jhd., mehrfache Ansiedlungen und Vertreibungen

  • seit 1671 dauerhaft Jüdische Gemeinde in Berlin, 1925: ca 170.000 Mitglieder

  • zwischen 1933 und 1945: nur 5% davon überlebten in der Stadt im Untergrund oder durch Heirat von Nicht-Juden, alle anderen vernichtet, in den Suizid getrieben oder vertrieben

  • ­im Bezirk insgesamt 984 Stolpersteine, in ganz Berlin um die 10.000

  • Speyerer Straße (historischer Name) letzter Wohnort der Lyrikerin und ihrem 1861 geb. Vater Ludwig Chodziesner (Rechtsanwalt).

  • Kolmars Familie musste nach Pogromnacht 1938 Haus verkaufen und wurde zum Umzug hierhin gezwungen

  • Kolmar kümmerte sich um kranken Vater und blieb darum in Deutschland, Geschwister konnten alle fliehen

  • Tochter Opfer von Zwangsarbeit und Enteignung, 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet ; Vater ein Jahr vorher nach Theresienstadt deportiert

Literaturangaben zu Tatort 4

Gertud Kolmar (Auswahl)

  • Gedichte, Berlin 1917

  • Preußische Wappen, Berlin 1934

  • Die Frau und die Tiere, Berlin 1938

  • Welten, Berlin 1947

  • Eine jüdische Mutter, München 1965

  • Das Wort der Stummen. Nachgelassene Gedichte, Berlin 1978

  • Susanna, Frankfurt am Main 1993

  • Die Dramen,  Göttingen 2005

  • Teilnachlass im Leo Baeck Archiv, New York: https://www.lbi.org/collections/poetry-in-preservation/gertrud-kolmar/

Sekundärliteratur

  • Eichmann-Leutenegger, Beatrice: Gertrud Kolmar. Leben und Werk in Texten und Bildern, Frankfurt am Main 1993, 

  • Gleichauf, Ingeborg: Alles ist seltsam in der Welt. Gertrud Kolmar. Ein Porträt, Berlin 2023.

  • Heimann, Friederike: In der Feuerkette der Epoche. Über Gertrud Kolmar, Berlin 2023..

  • Schiller, Simon: Kaddisch – Totengebet für Gertrud Kolmar, Theaterstück. Nonnenberg, Engelthal 2004

  • Woltmann, Johanna: Gertrud Kolmar, Frankfurt am Main 2001.

  • Quack, Sybille: Cora Berliner, Gertrud Kolmar, Hannah Arendt. Straßen am „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ehren ihr Andenken, Berlin 2005.

Tatort 5: U-Bahnhof Bayerischer Platz – Juden werden auf Plakaten als Feinde und Giftmischer bezeichnet

Was ist passiert?

Am 1. Juli 2021 fand man an einem Aushang die Schmiererei: „Die Juden hassen Christen und Muslime! Dich! Die Juden sind der Feind. Alle Pharma-Konzerne sind jüdisch!“. Daneben wurde eine Spritze mit dem Wort „Gift“ skizziert.

Fakten

  • von 1.052 im Jahr 2021 in Berlin dokumentierten Vorfällen wiesen knapp ein Viertel (24,0 %) einen Bezug zur COVID-19-Pandemie und den staatlichen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung auf. Es gab auch mehr gewalttätige sowie direkt gegen Personen gerichtete Vorfälle.

  • Gelegenheitsstruktur des Antisemitismus: Immer, wenn gesellschaftliche Diskussion akut war, stieg die Anzahl der Taten unmittelbar an

 Verschwörungsideologischer Antisemitismus

​Dämonisierung der Juden zum Feind aller Nichtjuden, der alle anderen zusammenschweißt („die“ – „wir“), hier: Muslime und Christen. In der Pandemie: Zusammenschluss von Menschen mit ganz unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergründen (rechte Verschwörungstheoretiker/AfD-ler bis links-esoterische Friedensaktivisten). Sogar Feinde verbünden sich, wenn es gegen Juden geht: Muslime: Sunniten und Schiiten. Im arabischen Raum: Verfeindete Staaten. Bei Antizionisten: Rechte und Linke.

Funktion: Über den Ausschluss eines „bösen“ Gegners wird die Identifikation aller zu einer Gemeinschaft (trotz aller Widersprüche) möglich. Bildung einer Gemeinschaft als „gutes“ Gegenmodell zu den „bösen Juden“
 

Geschichtliche Vorbilder

Westlich-christliche Kultur: Brunnenvergiftungsmythos im Mittelalter/früher Neuzeit, v.a. im Zuge der Pest-Pogrome

Vorbild im NS: Feind, der „von innen“ den „Volkskörper“ vergiftet und dabei unmittelbar den Körper/Leib jedes einzelnen angreift. Angriff auf die Physis ist auch im völkischen Antisemitismus im Konzept der Rasse zu finden: „Vergiftung“ durch Vermischung.

In der Sowjetunion 1953: Verfolgung der Juden - Vorwurf einer Ärzteverschwörung: Stalin warf einer Gruppe jüdischer Ärzte vor, »auf Anweisung der internationalen bürgerlich-nationalistischen jüdischen Organisation« zwei sowjetische Führer ermordet und weitere »medizinische Morde« geplant zu haben. Zunahme antisemitischer Vorfälle. In Krankenhäusern weigerten sich Patienten, sich von Juden behandeln zu lassen. Jüdische Ärzte wurden aus Kliniken vertrieben. Listen mit jüdischen Mitarbeitern erstellt. Die geplante Deportation von Juden unter diesem Vorwand wurde durch den Tod Stalins verhindert


Im arabischen Raum seit Anfang des 20. Jhd.: Vorwurf der Vergiftung im Zuge antizionistischer Agitation [wird an nächster Station, Tatort 6, genauer besprochen!] zuletzt z.B. 2016 als der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament behauptete:

„Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung klar, sehr klar dazu aufgefordert, dass unser Wasser vergiftet werden sollte, um Palästinenser zu töten. Was ist denn das, wenn nicht eine Gewaltverherrlichung und ein Aufruf zu … einem Genozid?“

 

Innerer Feind wird abermals in abstrakter Macht ausgemacht (Pharmakonzern), der gegenüber man sich hilflos fühlt und im Juden personifiziert (dadurch: konkret / beherrschbar).

Literatur- und Quellenangaben zu Tatort 5

Zu den Taten

 

Weiterführend

Tatort 6: Grunewaldstr. 87 – Bewerbung v. historischer antisemitischer Hetzschrift

Was ist passiert?

April 2023 - “ in der Schaufensterauslage des „Zentralrat der Palästinenser in Deutschland e.V.“ wird eine arabische Version der Propagandaschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ beworben.

 

Nachdem Mitarbeiter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus dies fotografierten und publik machten, entschuldigte sich der Verein. Es habe sich um ein Versehen gehandelt. Jemand habe das Buch gespendet und es sei von einer Person in die Auslage gelegt worden, die nicht arabisch spricht.

 

Glaubwürdigkeit der Aussage zweifelhaft: Das Titelbild verrät auch ohne Arabischkenntnisse den antisemitischen Charakter (Totenkopf und Davidstern / Krake mit Davidstern)

 

Moderner verschwörungsideologischer Antisemitismus (muslimisch-arabisch)

  • "Die Protokolle der Weisen von Zion“

  • eine 1903 im zaristischen Russland von der Geheimpolizei „Ochrana“ in Auftrag gegebene Fälschung, verbreitet, um vor den Gefahren der modernen Welt zu warnen, die im NS weite Verbreitung fand. Schlüsselwerk des modernen Antisemitismus. Angebliche Mitschriften jüdischer Geheimsitzungen mit dem Ziel der Etablierung einer „Jüdischen Weltherrschaft“.

  • die Protokolle sind heute überall in der arabischen Welt populär. Bis dahin dominierte das Stereotyp des armen, feigen und verächtlichen Juden („Dhimmi“). Bis heute: Ambivalenz des Antisemitismus im arabischen Raum: Jude = „Untermensch“ / Zionist = Weltverschwörer

  • erst seit Beginn des Palästina-Konflikts und der Kooperation der arabischen Führer mit den Nationalsozialisten gibt es eine nennenswerte muslimische Rezeption der Protokolle, insbesondere durch Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, und der Muslimbruderschaft: 1938 wurde auf einer von den Muslimbrüdern veranstalteten Islamischen Parlamentarierkonferenz zugunsten Palästinas arabische Übersetzungen der Protokolle und von Hitlers Mein Kampf verteilt, womit die Karriere dieser Schriften im islamisch geprägten Raum begann.

 

Gelten inzwischen als wichtige "Informationsquelle" zum Zionismus und zum Judentum, sie werden von großen Verlagshäusern als „Sachbuch“ vertrieben, prominente Politiker, Intellektuelle und religiöse Führer stützen sich auf sie, werden in Schulbüchern zitiert.Ab 2002 fanden die „Protokolle“ insbesondere durch die Fernsehserien „Al Shatat“ („Diaspora“) und „Reiter ohne Pferd“ eine massenmediale Rezeption. Beide Serien werden regelmäßig insbesondere im Ramadan pünktlich zum Fastenbrechen ausgestrahlt.

Literatur- und Quellenangaben

Zu den Taten

Beispiele

 

Fotos

  • Der Großmufti von Jerusalem Amin al-Husseini zeigt im November 1943 bosnisch-muslimischen Freiwillige der Waffen-SS den Hitler-Gruß. Bundesarchiv, Bild 146-1980-036-05 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

  • Amin al-Husseini und Adolf Hitler (28. November 1941): „Der Grossmufti von Palästina vom Führer empfangen. Der Führer empfing in Gegenwart des Reichsministers des Auswärtigen von Ribbentrop den Grossmufti von Palästina, Sayid Amin al Husseini, zu einer herzlichen und für die Zukunft der arabischen Länder bedeutungsvollen Unterredung.“ Bundesarchiv Bild 146-1987-004-09A, Amin al Husseini und Adolf Hitler.jpg

  • Amin al Husseini mit Heinrich Himmler (1943): Bundesarchiv, Bild 101III-Alber-164-18A / Alber, Kurt / CC-BY-SA 3.0

  • Südfrankreich: Soldaten der 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS »Handschar« bei der Ausbildung; Lesen einer Broschüre »Islam und Judentum«, ca. Sommer 1943. Quelle: https://magazin.zenith.me/de/gesellschaft/interview-zu-hitler-und-dem-islam

 

Gute Übersichtsarbeit

Malte Gebert: Die Rezeption der Protokolle der Weisen von Zion in Ägypten – ein Plädoyer für die Beachtung raumspezifischer Besonderheiten in der Antisemitismusforschung. In: Medaon, Ausgabe 9 (2011) (http://www.medaon.de – siehe PDF im Literatur-Ordner)

Für weitere Recherche

Tatort 7: Richard-von-Weizsäcker-Platz: Impfgegner setzen Covid-19-Impfungen mit NS-Massenmord gleich

 Post-Shoah Antisemitismus mit Bezug zur Corona-Pandemie; Klassische Täter-Opfer-Umkehr

  • zu Pandemiebeginn kursierten im Kontext der Versammlungen antisemitische Verschwörungsmythen bezüglich der Herkunft des COVID-19-Virus, der vermeintlich Verantwortlichen und angeblichen Profiteure [„Die Juden sind die Täter / die neuen Nazis“]

  • Beispiel Tatort 6: Die Juden stehen hinter der Pharma-Industrie und wollen alle Nicht-Juden vergiften, um Geld zu machen

  • Beispiel: „Die Ungeimpften sind unser Unglück“ (Verweis auf „die Juden sind unser Unglück“ im NS), „Impfen macht frei“, „Damals die Juden heute die Ungeimpften“: Die „Coronakritiker“ vergleichen sich selbst hier mit den Juden im NS.

  • zunehmend wurde eine Selbstviktimisierung vorgenommen, bei der die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit der Verfolgung der Juden im NS gleichgesetzt wurden und die Shoah auf diese Weise bagatellisiert wurde. [„Wir sind die Opfer / die neuen Juden“]

  • Gleichsetzung von Corona-Impfungen mit nationalsozialistischen Medizinverbrechen, „Coronaskeptiker“ werden mit Opfern von Zwangssterilisation, „Euthanasieprogrammen“ oder medizinischen Experimenten mit KZ verglichen

Coronaleugner als „Erleuchtete“

  • Moralische Überlegenheit des Opfers – der einzelne will die eigene Meinung gegen Widerspruch abdichten: Widerspruch gegen eine Opfer-Aussage gilt als unsensibel und unangemessen.

  • Der Faktengehalt der eigenen Meinung soll nicht mehr überprüft werden. „Rationale“ Argumente (z.B. über die Unterschiede zwischen NS-Verfolgung und Corona-Maßnahmen) sollen zugunsten „emotionaler“ Argumente unterdrückt und abgeschwächt werden („Wenn ich mich so fühle, dann ist es auch so“)

  • Selbstaufwertung: Coronaleugner als „Erleuchtete“, die als „auserwählte“, exklusive Gruppe die „Wahrheit“ erkennen, während alle anderen sich täuschen lassen. Dabei: Abwertung der tatsächlichen Opfer des NS.

  • Wahnhafter Charakter: Lügen werden als „alternative Fakten“ betrachtet, Einsatz von Fake-News – offensichtliche Lügen werden verbreitet / verteidigt / jeder Zweifel als „Gehirnwäsche“ verunglimpft

Allgemeiner Hinweis auf Antisemitismus: Wenn eine Meinung nicht mehr hinterfragbar oder durch Argumente widerlegbar ist: Vernunft tritt hinter dem Gefühl / dem Bedürfnis zurück

Sartre/Poliakov/Améry benutzten für den Antisemitismus daher den Begriff der „Leidenschaft“, weil das antisemitische Bedürfnis im Vordergrund steht und NICHT irgendeine Eigenschaft des Juden („Wenn es den Juden nicht gäbe, der Antisemit hätte ihn erfinden müssen“)

 

Quellenangabe zu Tatort 7

RIAS-Jahresbericht 2022 (https://report-antisemitism.de/rias-berlin/), S. 52, Bilder/Karten: S. 48/99

Tatort 8: Angriffe auf dem Dürerplatz und der "Al-Quds-Tag"

 

Häufung antisemitischer Übergriffe

Vermutet wird eine Häufung antisemitischer Übergriffe rund um den sogenannten al-Quds-Tag, der in Berlin in Form von Demonstrationen seit dem Jahr 1996 abgehalten wird. Zuletzt wurde der Marsch am 1. Juni 2019 in Berlin durchgeführt. In den nachfolgenden Jahren wurden die Demonstrationen nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie vom Veranstalter abgesagt. Im Mai 2021 kam es in ganz Deutschland anlässlich der Eskalation der israelischen Sicherheitslage durch Hamas und Islamischen Dschihad und der darauffolgenden  Operation Guardian of the Walls zu einer besonderen Häufung antisemitischer Übergriffe und Straftaten. In vielen Fällen wurden als jüdisch erkennbare Personen für die verzerrt wahrgenommene Politik Israels verantwortlich gemacht und mit ihr identifiziert, um sie schließlich zu dehumanisieren und anzugreifen. Auch jüdische Einrichtungen und Erinnerungsorte wurden Ziel von Angriffen. So wurde in Düsseldorf Müll auf einem Gedenkstein an eine ehemaligen Synagoge angezündet. In Bonn wurde die Tür einer Synagoge mit Steinen beworfen und in Münster eine Israelische Fahne vor der Synagoge verbrannt.  In Gelsenkirchen marschierte eine unangemeldete Demonstration von ca. 180 Personen unter Parolen wie „Scheiß Jude!“ palästinensische und türkische Fahnen schwenkend auf die dortige Synagoge zu und wurde schließlich von der Polizei gestoppt.Gleichzeitig fanden am Samstag, den 8. Mai 2021 in Hannover, Frankfurt und Nürnberg unterschiedliche Aktionen zum sogenannten al-Quds-tag statt. Der für Berlin geplante Marsch wurde kurzfristig von den Veranstalter abgesagt und durch einen Livestream ersetzt, der den Marsch in Hannover verfolgte und antiisraelische/antizionistische Slogans verbreitete.

 

Arabischer und muslimischer Antisemitismus, israelbezogener Antisemitismus, Antizionismus, Verschwörungstheorien. (Hin zu antisemitischem Islamismus iranisch-schiitischer Prägung durch Khomenei)
Israel wird mit dem Judentum (in islamisch antijudaistischer Lesart) und mit Reichtum der Herrschenden, die vermeintlich den Islam unterdrückten und seine Einigkeit verhinderten, assoziiert. Darin wird das Judentum als omnipotenter Strippenzieher der Weltpolitik halluziniert. Ziel dieser Form des Antisemitismus ist die Einigkeit des Islam durch die Zerstörung Israels. Bis zum heutigen Tag fordern auch im Westen als “gemäßigt“ geltende Staatoberhäupter und der  „Oberster Führer“ des Iran regelmäßig die Vernichtung Israels. Gern als „zionistisches Krebsgeschwür“ der Region. Zum Beispiel 2011 mit Bezug auf die „Protokolle der Weisen von Zion" (siehe Tatort 6): Auffällig ist auch, mit welcher Gewalt der Iran im Innern und Weltweit herrscht und Oppositionelle und Frauen foltern, vergewaltigen und hinrichten lässt, während die Gewalt in Richtung Israel projiziert wird. 

Iran: Geschichte und Forderungen des sog. Quds-Tag
Am 7. August 1979 vom „Führer der islamischen Revolution im Iran“, Ajatollah Ruhollah Chomeini, ausgerufen und seither jährlich begangen. Gefordert wird die Zerstörung Israels und die Eroberung Jerusalems [ Rede übersetzt in den Quellen]. Menschen werden herangekarrt und mehr oder wenigeer zur öffentlichen Teilnahme gezwungen/ bzw. trauen sich nicht, sich zu weigern.
In den heutigen Protesten im Iran gibt es die ersten öffentlichen Weigerungen, sich dem ideologisch anzuschließen: „Nicht Gaza (Hamas), nicht Libanon ( die Hisbollah), unser Leben gehört Iran!“

Berlin: Organisation und Geschichte
Langjähriger Organisator die eigens dafür gegründete Quds-AG unter Jürgen Grassmann, konvertiert zum schiitischen Islam und seiner Aussage nach Vertreter des Iran in Deutschland.
Erster Quds-Marsch 1996 bis 2019 letzte bisherige Durchführung. Kern-Slogans des Marsches:
„Tod Israel, Tod den USA!“ und „Kindermörder Israel!“
Während Ersterer klar den einen klar verschwörungstheoretisch-Antiimperialistischen zum Ausdruck bringt, greift der zweite Slogan auf die ursprünglich dem christlichen Antijudaismus entspringende „Ritualmordlegende“ zurück, nach der
Juden zu Feiertagen Nichtjuden (häufig Kinder) entführten und deren Blut für ihre Feiertagsrituale benutzten. In der Moderne findet sich diese Erzählung über Fernsehsender und Bücher verbreitet zu nehmend in der arabischen Welt wieder und gelangt zu einer Eigenständigkeit. Durch den verschwörungstheoretischen Charakter hohe Anschlussfähigkeit und große Integrationskraft (siehe auch Tatort 8)
Anwesende: Neben, Hisbollah- und Hamas-Anhängern, Jugendwiderstand, Neonazis, Verschwörungstheoretiker. 
Zunehmend die Behauptung, man sei nicht antisemitisch, sondern lediglich antizionistisch. Als Feigenblatt dienen sich den Organisatoren hier der zum Beispiel die anti-zionistischen Neturei Karta Sekte an, die als „richtiges“, weil antizionistisches Judentum, die Zerstörung des jüdischen Staates fordern. Die reine Existenz des Staates wird als Angriff auf „den wahren Glauben“ betrachtet.

Problem polizeilicher Kontrolle, Auflagenumgehung:
Nach dem Verbot, der Hisbollah zu huldigen, erwähnt der Anmelder Grassmann diese immer indirekt. „Kindermörder Israel!“-Rufe werden trotz Verbot getätigt, andere Auflagen auch gebrochen. Generell bekommt die Polizei wie auch bei vielen anderen antisemitischen Demonstrationen nicht alles mit oder sieht weg um Arbeit zu vermeiden. 

Schwächung der Organisation des Qudsmarsches in Berlin:
Verbot der Hisbollah in Deutschland seit Frühjahr 2020, schon 2019 gab es viel Stimmen für ein Verbot – man kam zu dem Schluss, dass dies angeblich nicht durchführbar sei. 
2020 und 2021 fand der Marsch coronabedingt nicht statt, 2021 wurde er kurz vorher von den Veranstaltern abgesagt.

Exkurs Mykonos-Attentat

Am Abend des 17. September 1992 werden drei Exiliranische Oppositionspolitiker der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistan und ein iranischer Dolmetscher von Kazem Darabi Kazeruni und einem Mittäter im Restaurant MYKONOS erschossen.
Das Attentat wurde von Kazem Darabi Kazeruni geplant der in Berlin für den iranischen Geheimdienst Regimegegner ausspionierte und die Berliner Filiale der Hisbollah leitete. Seit 1996 (erster Quds-Marsch in Berlin) war Darabi unter anderem für die Durchführung des Quds-Marsches in Berlin verantwortlich, wofür er Geld aus dem Iran erhielt.

Literatur- und Quellenangaben zu Tatort 8

Zu den Taten

Allgemein Quds-Marsch:

 


MYKONOS-Attentat
Am Abend des 17. September 1992 stürmten Kazem Darabi Kazeruni und Abbas Rhyal in das in der Prager Straße gelegene Restaurant Mykonos und eröffneten das Feuer auf ein Treffen iranischer Oppositioneller im Exil. Drei Funktionäre der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistan und ein iranischer Dolmetscher wurden dabei getötet, ein weiterer Gast und der Wirt wurden schwer verletzt. Vor Gericht wurden Darabi und Rhyal zu lebenslanger Haft und zwei weitere Täter, Youssef Amin und Mohamed Atris wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Ein weiterer Täter, Abdol-Raham Bani-Haschemi, der als Leiter der Operation ausgemacht wurde, entkam unmittelbar nach der Tat in die Türkei.
In der Urteilsverkündung vor dem Kammergericht Berlin im April 1997 stellte das Gericht heraus, dass die Morde im Auftrag des iranischen Geheimdienstes VEVAK durchgeführt und bereits vorher durch den damaligen Minister für Nachrichtendienste und Sicherheitsangelegenheiten der Islamischen Republik Iran angekündigt worden waren. Die Tat wurde als Staatsterrorismus bewertet.
Am 10. Dezember 2007 wurde Darabi vorzeitig aus der Haft entlassen und in den Iran abgeschoben. Am Flughafen Teheran-Imam Chomeini wurde er in Anwesenheit der iranischen Presse von seiner Familie und dem stellvertretenden Generaldirektor für Europa im iranischen Außenministerium und anderen Regimevertretern begrüßt, mit Blumen beschenkt und als „Held der Nation“ geehrt. Der Mittäter Abbas Rhyal war bereits einige Tage vorher in den Iran ausgeflogen worden. Die  Abschiebung in den Iran steht bis heute unter dem Verdacht ein Deal zum Gefangenenaustausch mit dem Iran gewesen zu sein.

 

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